Spielt die FDP bundespolitisch nun keine Rolle mehr? Da sei Dr. Carsten Linnemann aus Paderborn vor, frisch gekürter Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung. Der 36-jährige frühere Zögling von Ex-Deutsche Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter soll dem ins mediale Hintertreffen geratenen christdemokratischen Wirtschaftsflügel neuen Schwung verleihen. Und: „Die FDP-Wähler brauchen eine neue Heimat“. Die fänden sie laut Christian von Stetten, Vorsitzender des „Parlamentskreises Mittelstand“, nun bei Linnemann.

Die politischen Rezepte sind indes von vorgestern: Nicht ohne Wehmut blickten die versammelten CDU-Mittelständler und ihr scheidender Vorsitzender Josef Schlarmann zurück auf den Leipziger Parteitag im Jahre 2003, der noch ganz im Zeichen der Ruckrede Roman Herzogs stand. Seinerzeit blieb kein marktradikaler Wunsch nach ungebremstem Wettbewerb offen, man flexibilisierte und deregulierte, was das Zeug hielt. Schließlich sollte es noch fünf lange Jahre bis zum Kollaps der Finanzmärkte dauern. Es war die unbeschwerte Zeit des Merz-Kirchhoffschen Steuerbierdeckels, der Privatisierung der Krankenversicherung und der Rente mit 67. Die Exekution der rosagrünen Agendapolitik, die in Leipzig marktfundamental noch überboten werden sollte, wurde schrittweise vollzogen.

“Auf geht’s“, schmetterte Linnemann unter großem Beifall den CDU-Mittelständlern in seiner Bewerbungsrede entgegen, – in die Vergangenheit. Und zurück zu Ludwig Erhard, dem echten, unverfälschten. Linnemann empörte sich: „Wo sind wir hingekommen, wenn Sarah Wagenknecht schon über Ludwig Erhard redet?“ Ja wohin? Es ist wirklich blöd, dass Geschichte stets mehrere, mitunter sogar konträre Deutungen zulässt. Denn umstritten bleibt, ob man den so genannten Erfinder der „sozialen Marktwirtschaft“ nun als neoliberalen Vordenker, ordoliberalen Einheger von Marktmacht oder gar, jedenfalls im Ansatz, als Lieferant von Bausteinen für einen neuen „kreativen Sozialismus“ kennzeichnen soll. Jedenfalls will sich der Erhard-Urenkel Linnemann da nicht von links enterben lassen und glaubt mit seinem Urgroßvater: „Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch.“ Der Hohepriester des Neoliberalismus, Friedrich August von Hayek, hätte seine Freude an solcher Gesinnung gehabt.