Unsere beiden Heimatzeitungen sind in Rage: Die nordrheinwestfälische Landesmutter habe sich auf "krumme Wege" begeben, klagt der Leitartikler des "Westfälischen Volksblattes"; Hannelore Kraft sei eine "Schein-Riesin", erfahren wir aus der "Neuen Westfälischen", sie habe "die Basis der SPD überfordert". Und ähnliche Bewertungen bekommt die SPD-Spitzenpolitikerin auch in der überregionalen Presse. Wieder einmal der "Fahrstuhleffekt" im Umgang der Medien mit Politprominenz: Da wird jemand imagefördernd erst ganz nach oben gehievt - und dann geht es ebenso rasch wieder nach unten.

Zwei Vorwürfe sind es, die Hannelore Kraft nun gemacht werden: Erstens habe sie sich kurzzeitig als entschiedene Gegnerin einer Großen Koalition präsentiert und sei nun als maßgebliche Verfechterin eines solchen Bündnisses tätig; zweitens betreibe sie bei den Koalitionsgesprächen Lobbyarbeit für die Kohlekraftwerke zu Ungunsten der alternativen Energieproduzenten.

Ist die NRW-Ministerpräsidentin denn doch eine leicht verwirrte Person, also gar nicht das, was medial zunächst aus ihr gemacht wurde, nämlich die geeignete Nachfolgerin der gegenwärtigen Kanzlerin? So personalisierend läßt sich Politik nicht verstehen, unbeachtet bleiben dabei die Einflüsse wirtschaftlicher Gruppen. Hannelore Kraft ist eng verquickt mit der "altindustriellen" Fraktion in der SPD, die sich auch heftig eingesetzt hat für eine Koalition mit der CDU/CSU. Da kommen Wünsche von einschlägigen Industriegewerkschaften und Konzernen zusammen. Konkret geht es dabei etwa um staatliche Hilfestellung für stählerne und fossile Unternehmen. Ein Konflikt zwischen dieser Richtung in der SPD und der grünen Partei liegt nahe; die Grünen sind konnektiert mit alternativen Energieunternehmen. Möglicherweise ist auch das rosa-grüne Regierungsbündnis in NRW schon ein Auslaufmodell. Diese Interessenkonflikte setzen sich auch regional und kommunal um.

Als "Ruhrpöttlerin" bezeichnet das "Volksblatt" die NRW-Ministerpräsidentin. In Ostwestfalen-Lippe herrschen andere unternehmerische Wünsche vor als im Rhein-Ruhr-Revier. Wer das Gefühl herstellen will, er gleiche "volksparteilich" alle wirtschaftlichen Interessen, auch die miteinander streitenden staatsfraulich aus, braucht die spezifischen Talente der jetzt geschäftsführenden Kanzlerin.