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In: Telepolis,
23.11.2011
Auch
bei extremer Steigerung der Teilrationalität in den Betrieben, die
sich bei den Menschen überwiegend in Gestalt von Arbeitsverdichtung,
-verlängerung, wie auch in prekären Beschäftigungsverhältnissen
und Arbeitslosigkeit niederschlägt, offenbart in der gegenwärtigen
Krise das Wirtschaftsleben als Ganzes nur mehr die Irrationalität
eines Gesellschaftssystems, welches die Bedürfnisbefriedigung der
Menschen zu einer Nebenfolge des Wirtschaftswachstums degradiert. Der
alltägliche Konkurrenzkampf wird von den Menschen verabsolutiert,
versubjektiviert und personalisiert und als naturgegeben und alternativlos
akzeptiert, wenn nicht gleich zum Reich der Freiheit deklariert. Damit
üben die Menschen jene Ausschließungsmechanismen ein, die ihnen
durch die Institutionen vorexerziert wurden.
Herr Seppmann, wie schlagen sich die objektiven gesellschaftliche
Entwicklungen in der Psychostruktur nieder, wie ist deren Deformation
zu erklären?
Die Menschen werden
von einem flexiblen Kapitalismus geprägt, der es ihnen nahe legt,
sich an nichts zu binden und eine fragmentarisierte Identitätsstruktur
auszubilden. Der Sozialpsychologe Götz Eisenberg, der zu diesem Thema
wichtige Bücher geschrieben hat, spricht davon, dass durch die so
verursachten Desintegrationsprozesse Massen von Menschen Gefahr laufen,
auf einfache Mechanismen der psychischen Regulation zurück geworfen
zu werden.
Dadurch
wird die Ausprägung pathologischer Charakterstrukturen gefördert
und dieser Prozess führt schleichend zu einer Pathologisierung der
Gesellschaft. Indizien dafür sind, dass Bedenkenlosigkeit und Skrupellosigkeit
in viele Alltagsbereiche eingedrungen sind, sich Rücksichtslosigkeit
und ein egomanischer Individualismus ausbreitet. In diesem Kontext dominiert
auch, wie Eisenberg betont, ein kalter Zynismus und es prägt Gleichgültigkeit
die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir sind auf dem Weg in eine Gesellschaft
beziehungsunfähiger, beziehungsweise gestörter Menschen.
Das schlägt
auch auf die nachwachsende Generation durch: In den fragmentarisierten
und nicht selten erodierenden Familienstrukturen findet kaum noch eine
Stabilisierung der Psychostrukturen der Kinder statt. Sie verspüren
den Druck, unter dem ihre Eltern stehen, aber auch, dass diese ihm wehrlos
ausgesetzt sind. Sie erleben die Ängste ihrer Eltern, leiden an den
familiäre Zuständen, auch wenn diese nicht von Aggressivität
und nervöser Ratlosigkeit - was aber immer häufiger der Fall
ist! - geprägt sind.
Hinzu kommt,
dass auch die Lebensperspektiven der Jugendlichen von vielen Unwägbarkeiten
geprägt sind. Berufliche Integration - trotz vielfältiger Qualifikationen
- ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Perspektivlosigkeit steht
oft schon am Beginn des Lebensweges. Verwunderlich ist es also nicht,
wenn, wie aktuelle Untersuchungen dokumentieren, über 50 Prozent
aller deutschen Jugendlichen psychosomatische Störungen aufweisen,
unter Ängsten und Depressionen, Essstörungen oder Nervösitätssyndrome
leiden.
In
einer gewissen Weise kommt in den Wut- und Gewaltausbrüchen die Gesellschaft
zu sich selbst
So sieht es tatsächlich
auf den ersten Blick aus. Aber in einer gewissen Weise kommt in den Wut-
und Gewaltausbrüchen die Gesellschaft zu sich selbst: Der auf einer
allgemeinen Ebene existierende Druck wirkt in die Sozialisationsprozesse
hinein; sie wirken in der geschilderten Weise nicht mehr festigend, sondern
destruktiv. Diese sozialen Zustandsformen sind der Rahmen, in denen sich
Destruktions- und Selbstzerstörungspotentiale entwickeln können.
Sie können dann in solchen Handlungen zum Ausdruck kommen, wie sie
sich beispielsweise kürzlich in Sachsen-Anhalt ereignet haben, wo
eine 13-jährige Schülerin ihre Schule mit Benzin in Brand setzen
wollte und mit einem Beil ihre Mitschüler attackiert hat.
Zum Verständnis
solcher Ereignisse muss berücksichtigt werden, dass soziale und psychische
Desorganisationen sich wechselseitig hochschaukeln. Meist schaffen es
die Kinder, die sozialen Bedrängungen und das Chaos ihrer Familienverhältnisse
zu ertragen und die daraus resultierenden psychischen Schieflagen zu kompensieren,
aber wenn sie schon vorbelastet sind und unter Entwicklungsstörungen
leiden, kann es zu solchen Ausbrüchen können. Denn wie gesagt:
die Strukturen, die solche pathologischen Entwicklungen auffangen können,
sind erodiert, und der soziale Erfahrungsraum vieler Heranwachsender ist
kaum geeignet, Halt zu vermitteln und Stabilität zu fördern.
Aktuelle neurobiologische
Forschungen haben übrigens gezeigt, dass soziale Bedrängungs-
und Defiziterfahrungen in frühen Entwicklungsphasen zu Angstabwehrmustern
führen, die, weil sie nicht ausgelebt werden können, in den
neuronalen Strukturen abgespeichert werden und zu einem viel späterem
Zeitpunkt zum Ausbruch gelangen können.
Manifeste
Unmündigkeit
Ergeben sich
die in Ihrem Buch "Dialektik der Entzivilisierung. Krise, Irrationalismus
und Gewalt" dargelegten Formen psycho-sozialer Rückentwicklungen
und den aus ihnen resultierenden Gewalttaten zwangsläufig?
Nein. Das Abgleiten
in Formen psycho-sozialer Destruktion, denen immer auch ein Moment der
Selbstbeschädigung innewohnt, geschieht nicht automatisch. Jedoch
existieren in bestimmten Konstellationen große Wahrscheinlichkeitswerte.
Viele Krisenopfer versuchen, mit den Belastungen fertig zu werden. Jedoch
verlangt das große psychische Energie. Wer sie nicht aufzubringen
vermag, beispielsweise, weil er schon emotional und gesundheitlich angeschlagen
ist oder der Druck zu groß wird, scheitert irgendwann an den Anforderungen
der personalen Selbststabilisierung.
Normalerweise
ziehen sich die Betroffenen still zurück, werden depressiv oder verfallen
dem Alkohol. Aber sie können sich auch in irrationalistische Surrogate
flüchten: Man schaue sich nur eine gutsortierte moderne Buchhandlung
an, bei der die Regale mit Literatur über Orakel, Tarot, Anthroposophie,
Spiritualität und Astrologie überquellen.
Das ist dann
so etwas wie die privatistische Version des psycho-sozialen Elends, eine
Flucht in unpolitische Formen des Irrationalismus?
So könnte man das nennen. Aber gerade diese Formen sind auch Ausdruck
einer manifesten Unmündigkeit, wie Kant sie verstanden hat. Die Menschen
kultivieren verzerrte Weltbilder, auf deren Grundlage sie bestehende Fremdbestimmung
akzeptieren. Aber Unsicherheit und Orientierungslosigkeit können
auch Einfallstor für rechte Orientierungen sein, die Sinnperspektiven
vermitteln, wie etwa die Annahme nationalistischer und rassistischer "Identitäten"
und "Erklärungen" für die unverständlich gewordene
Gesellschaftsentwicklung liefern, zum Beispiel Ausländer als Sündenböcke
für die sozialen Verwerfungen.
Wie sind denn die Übergänge zum politisch-rechten Irrationalismus
strukturiert?
Auf einer ersten Stufe bietet das Versinken in die rechtsextreme Gedanken-
und Phantasiewelt das Gefühl, der als bedrohlich erlebten Welt nicht
mehr ganz hilflos ausgeliefert zu sein. Alleine schon die Bedrängungserfahrungen
benennen zu können - auch wenn es in einer verzerrten und hilflosen
Weise geschieht - entlastet die defundierten Subjekte: Sie können
ihre Existenzängste auf vermeintliche Ursachen (in historischer Abfolge
die "Fremden" und "Juden", die "Ausländer"
und "Islamisten") projizieren. Unaufgearbeitete soziale Bedrohungserfahrungen
werden auf innere und äußere Feinde projiziert, latente Zukunftsängste,
die auch durch einen demonstrativen Optimismus nicht mehr verdrängt
werden können, durch ein System von Hass und Selbsthass kompensiert.
Durch die
Personalisierung diffuser Ängste bietet sich die vermeintliche Chance,
wieder Ordnung in eine unverstandene und als Bedrohung erlebte Welt zu
bringen. Das psychisch beschädigte Subjekt gewinnt durch die Identifikation
mit einem weltanschaulichen Trend einen sozialen Schutzraum. Identifizierung
kompensiert seine Isolation, die Übereinstimmung mit äußeren
Mächten vermittelt ein Gefühl von Stärke und sozialem Eingebundensein.
Wie entwickelt
sich aber aus dem weltanschaulichen Irrationalismus die Bereitschaft zur
Aggressionshandlung?
Zu einem wesentlichen Teil daraus, dass die entlastende Wirkung nur von
kurzer Dauer ist. Das ideologische Surrogat verbraucht sich schnell, provoziert
das Verlangen nach einem Ersatz. Diesen Ersatz kann ab einer bestimmten
Stufe nur eine "aktives Weltverhältnis" bieten. Es kann
in der Form einer öffentlichen Demonstration der politischen Gesinnung
bestehen, aber auch in einem Prozess fortschreitender Radikalisierung,
der seinen Endpunkt erst im terroristischen Aktivismus findet.
Kann man also sagen, dass die Flucht in den Irrationalismus und
die Entwicklung von Gewaltbereitschaft als psychisches Selbststabilisierungsmittel
fungieren?
Ja, um die völlige Zerstörung ihrer Persönlichkeitsstruktur
zu verhindern und das Absinken in die Lethargie zu vermeiden, können
sozial bedrängte Menschen bereit sein, in den Konflikt zu flüchten,
um zumindest über solche entfremdeten Formen wieder einen Realitätsbezug
herzustellen und das beschädigte Selbstbewusstsein zu stärken.
Das provokative und aggressive Auftreten fällt umso leichter, als
der soziale Verunsicherungs-, Dequalifizierungs- und Ausgrenzungsprozess
von Beginn an - wenn auch zunächst unterschwellig - von Hass- und
Wutgefühlen begleitet ist.
Wie würden Sie in diesem Kontext die Taten des Massenmörders
Anders Breivik einordnen?
Der Oslo-Attentäter hat fast eine mustergültige Karriere durchlaufen:
Er war ein labiles Kind und als Schüler sozial isoliert. Zunehmend
flüchtete er sich in technische Beschäftigungsformen und die
Kunstwelten des Computers, fand im Netz eine Ersatzwelt. Die Gesellschaft
erlebte er zunehmend als bedrohlich, weil seine wirtschaftlichen Aktivitäten
als junger Mann von wenig Erfolg gekrönt waren. Bei der Suche nach
Erklärungen für seine Lebenssituation fand er Antworten in rechtspopulistischen
Weltsichten und konnte sich mit diesem "Trend" identifizieren,
der in fast allen europäischen Ländern existiert. Erst nachdem
die Kompensationswirkungen der rechts-populistischen Ideologie sich abschwächten,
entwickelte und verstärkte sich bei Breivik das Bedürfnis nach
einem "aktivistischen Weltverhältnis", das in einem unkontrollierten
Zerstörungsdrang mündete.
Es lässt
sich jedoch nicht prognostizieren, bei welchem psycho-sozial defundierten
Individuum alle Dämme brechen, vor allem wann sie auf Grundlage ihrer
pervertierten Phantasie grauenvollste Taten folgen lassen. Dazu bedarf
es besonderer alltagspraktischer Konstellationen und ideologischer Anlässe,
die unendlich variieren können.
Der Artikel
erschien in "telepolis"
am 23.11.2011
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